Historische Kostbarkeit in Lochtum
Ein merkwürdiges Grabmal
Hauptmann Ruhe errichtete sich schon zu Lebzeiten einen Gedenkstein
An der Nordostgrenze Bad Harzburgs liegt der Ort Lochtum. Sein Wahrzeichen ist der eigenartig geformte Kirchturm, dessen grünes Dach weithin leuchtet. Erstmals wurde Lochtum 1066 urkundlich erwähnt und kann deshalb auf ein stattliches Alter zurückblicken. So ist der Ort dann auch reich an Winkeln und Ecken, die den Hauch vergangener Jahrhunderte atmen. Wer das Dorf mit dem Fotoapparat durchstreift, wird reichlich entschädigt. Es gibt aber eine Besonderheit in Lochtum, die es aus dem Kreis vergleichbarer Dörfer heraushebt. Es ist das merkwürdige Grabmal des Hauptmanns Ruhe. Das kleine Monument steht in der Nähe der Kirche und hat die Form eines Obelisken mit breitem Fundament. Dieses Fundament ist über und über mit sorgfältig gemeißelten Schriftzeichen bedeckt. Zusammengesetzt ergeben sie eine merkwürdige Geschichte, die sich zu Beginn des vorigen Jahrhunderts zugetragen hat. Es ist das Grabmal eines alten hannoverschen Offiziers, das dieser sich lange vor seinem Tode selbst errichtete. Der Ackermann Heinrich Christian Ruhe, Hauptmann in einem hannoverschen Kavallerieregiment und Teilnehmer der Freiheitskriege, hat seine Lebensgeschichte in Stein hauen lassen, um die Lochtumer zu beeindrucken. Danach nahmen sie ihn dann endlich ernst, als sie die Taten ihres Mitbürgers in großer klassischer Antiqua lesen konnten.
Aber erzählen wir die Geschichte Heinrich Christian Ruhes der Reihe nach. Als zweiter Sohn hatte er ursprünglich kein Anrecht auf den väterlichen Hof und trat als gemeiner Soldat in das 4. hannoversche Kavallerieregiment in Buxtehude ein. Durch großen Fleiß, Glück und Geschick brachte er es hier schnell zum Korporal und schließlich zum Offizier. In den Revolutionskriegen marschierte er gegen Frankreich, war tapfer und stieg immer weiter auf. Schließlich war er Quartiermeister.
Am 5. Juli 1803 wurde das hannoversche Heer durch die Konvention von Artlenberg aufgelöst. Die Pferde und Waffen mußten abgegeben werden und die Soldaten wurden nach Haus geschickt. Für Ruhe war das ein Fall ins Bodenlose. Der einst schneidige Offizier war jetzt in Lochtum ein Nichts. Stellungslos und heimatlos wie er war, verdingte er sich bei seinem Bruder als Knecht. Zum Schaden kam nun noch der Spott der Lochtumer, die mit Häme den großen Herrn bedachten, der nun den Kuhstall misten mußte. Wo sie konnten, ließen sie ihre Sprüche ab, verhöhnten ihn und machten ihn so zum Sonderling.
In dieser Situation geschah etwas, das die Situation auf einen Schlag veränderte. Der Bruder des Ex - Offiziers starb und Heinrich Christian folgte ihm als Herr des Ackerhofes. Obwohl er ein guter Bauer war und alles nach bester Art ordnete ließen die Lochtumer nicht ab, ihn zu hänseln. Als die Trommel wieder zum Streite rief, eilte er deshalb gern zu den Fahnen und zog nach Waterloo, um dem großen Korsen die entscheidende Niederlage beizubringen. Aber auch das ging vorbei, und als er in Lochtum wieder eintraf, ging auch gleich das Gelästere wieder los. Da riß dem wackeren Recken, der sich auch mannhaft geweigert hatte, in preußische Dienste zu treten, der Geduldsfaden. Er ließ das Grabmal bauen, um seinen Mitbürgern seine Verdienst buchstäblich einzuhämmern. Das verfing denn auch. Es kam den Lochtumern schon ein wenig seltsam vor, daß da einer sich zu Lebzeiten ein Grabmal baute. Sie gruselten sich ein bißchen vor dem alten Kämpen, der bei den sagenhaften Schlachten dabeigewesen war, und unversehens zog man schon einmal die Mütze etwas tiefer, wenn man ihn traf. Als er 1845 starb, war er sogar so etwas wie Held geworden.
An dem alten Denkmal des Hauptmanns Ruhe steht folgende lange Inschrift:
"Hier ruht der Hauptmann Ruhe neben Mutter, Bruder und Schwägerin. Ich bin 1770 zu Lochtum geboren, trat 1788 in das 4. Hann. Kav. Regt. ein, machte den Revolutionskrieg mit, kam zurück und rückte vom Korporal zum Quartiermeister auf. 1803 löste sich sämtliches Hannoversches Militär nach einer mit den Franzosen abgeschlossenen Konvention im Lauenburgischen auf. Man erhielt auf ein Jahr Urlaubspass und fünf Taler Gold Reisegeld. Als ich zu Lochtum ankam, fand ich vom Königl. Preuß. Landratsamte, der Behörde des Liebenburger Kreises, ein Schreiben vor, das mich aufforderte, in preußische Kavalleriedienste zu treten. Da ich mich weigerte und darob viele Anfechtungen zu erdulden hatte, sah ich mich genötigt, an Se. Königl. Majestät v. Preußen in einer Vorstellung mich zu verwenden, worauf ich allerhöchsten Bescheid erhielt:
Se. Königl. Majestät v. Preußen haben aus der Vorstellung des gewesenen Chur - Hannoverschen Quartiermeisters Heinr. Chr. Ruhe v. 12. dieses die Umstände ersehen, welche ihn veranlaßt haben, um Dispension von der Einstellung beim Militär zu bitten, ohne diese Umstände näher zu untersuchen wollen ihm hiermit willfahren und haben dem Major v. Oppen zu Hildesheim aufgegeben, vom Militärdienst zu entbinden, jedoch nur unter der Bedingung, daß er den ihm von seinem Bruder verschriebenen Ackerhof zu Lochtum auch wirklich übernehme.
Potsdam, den 22. April 1804.
Friedrich Wilhelm.
Nun hatte ich Ruhe, einige kleine Hudeleien abgerechnet. 1813 trat ich wieder in die Königl. Hannoversche neu errichtete Landwehr und machte die Schlacht bei Waterloo am 18. Juni mit. Mein Wunsch war, als das Bataillon nach Brabant marschieren mußte, die Gegend, wo ich als Kavallerist gehauset, noch einmal zu besuchen, erhielt aber Befehl, daß ich hierbleiben und ein Depot formieren solle. Nach der denkwürdigen Schlacht bei Waterloo kam das Batln. Zurück.
Nach einer Reduitive war es zu damaliger Zeit jedem Offizier freigestellt, fortzudienen, sich abkaufen zu lassen oder in Pension zu treten. Ich wählte bei meinem vorgerückten Alter das letztere. Amen."
Das war die Lebensgeschichte, die der Hauptmann Ruhe in seinen Grabstein einmeißeln ließ, seine Erben aber ließen, damit die Inschrift zuguterletzt noch eine ordentliche Grabschrift wurde, wie sie sich für einen ehrlichen Christenmenschen gehörte, und wie man sie gewohnt war, am Fuße des Denkmals diesen Satz anbringen: ,,Starb 1845, den 3. Oktober als der letzte Ruhe auf dem Ackerhof Nr. 10 nach des Brandkataster."
